Ballverlust

Von Krishan Krone
Regie: Daniel Kasztura
Bühne: Barbara Rusterholz / Christoph Irniger
Musik: Michael Wernli
Kostüme: Barbara Mens
Licht: Fiona Zolg
Magie: Martin Bohnert
Dramaturgie: Hannes Glarner
Maske: Johannita Mutter
Spiel: Krishan Krone

Wer seinen Job abrupt verliert, fällt stante pede aus der Zeit. Alles Selbstverständliche wird miteins unklar und diffus: die Beziehung zu sich selbst als erstes, sofort darauf dann (ja manchmal sogar zuerst) die Beziehung zu den Nächsten. Die einfache Klarheit einer Kündigung schafft beim Betroffenen im Normalfall ein immenses, zumindest inneres Chaos: Man verliert sich, man kommt sich selbst abhanden und fragt dann lange Zeit nur blöd ’Warum?’.
Xaver Lorner ist so ein Aus-der-Zeit-Fallender. Ihm wurde grad eben, quasi aus heiterem Himmel, seine Stelle im Personalbereich eines grösseren Hotels gekündigt, wo er seit längerer Zeit die Einsatzpläne betreute. Über dem Versuch, Effizienzsteigerungskonzepte zu entwickeln und damit Zeit zu gewinnen, hat er anscheinend zu viel Zeit verbraucht. Er wird – das kommt für ihn vollkommen überrraschend – wegen Ineffizienz entlassen.
Wie nun reagiert dieser Mann? Was passiert mit ihm? Erstmal schwemmt es ihn weg. Er landet mit Sack und Pack an einem urbanen Unort, an einem Nichtort: bei einer städtischen Autobahnbrücke. Hier kommt er traumwandlerisch zum Stillstand. Nach Hause: Das traut er sich nicht.
Nun verliert er auch noch einen Ball, der zusehends alles verkörpert, was er je verloren hat. Und über dem Versuch, wenn schon nicht den Ball, so doch wenigstens eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden, büsst er zeitweilig das Gefühl für die Zeit und überhaupt die Realität ein. Zusehends verliert er die Kontrolle, die Übersicht, das Vertrauen in die Welt, am Ende beinahe Verstand und Leben.
Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas: Xaver Loren ist nicht Opfer einer bösen Arbeitswelt; er wird auch nicht zum romantischen Clochard unter der Brücke. Im Grunde genommen, ist er ein begnadeter Verdränger und Lügner mit starkem Hang zu komödiantischem, teilweise clowneskem und immer wieder am Stummfilm orientierten Spiel. Dabei ist das Clowneske nicht mit den äusserlichen Attributen wie der roten Nase und den zu grossen Schuhen assoziiert. Eher interessiert es als ein künstlerische Haltung, als eine Möglichkeit, Gefühle in aller ‚Reinheit’, in kindlicher Ausschliesslichkeit ausdrücken zu können, auch als Gegenform zu den gemischten Gefühlslagen des sogenannt realistischen Spiels.
’Ballverlust’ erzählt mit einfachen poetischen Mitteln eine tragikomische Story, die einerseits von den täglichen Nöten eines Angestellten handelt, andererseits aber immer wieder in eine metaphysische Ebene ragt, die von Kleinstereignissen ausgehend in einen philosophischen Raum hineinspielt, sozusagen ‚den Himmel antippt’.
Die Figur Xaver Lorner ist ein ewiges Kind. Eine Art Schweick der Bürowelt, ist er innerlich der Arbeitswelt fremd geblieben. Beim dauernden Versuch, sich anzupassen und so der Gefahr zu entgehen, sich als Fremdling zu outen, schiesst er in seinem kindlichen Eifer weit über das Ziel hinaus: Unter anderem arbeitete er kurz vor seiner Entlassung fieberhaft an der Einführung einer Methode, Laken in einer einzigen Bewegung auf das Bett zu spannen. Würden alle Mitarbeiter des Zimmerservices diese Methode anwenden (nach entsprechender Schulung natürlich), könnte das Hotel Unmengen von Personalkosten sparen. Dazu hat er bereits detaillierte Berechnungen und Listen aufgestellt, sowie ein fixfertiges Konzept, mit Bildern, Anleitungen usw. zuhanden der Direktion eingereicht, das bis zum Tag seiner Entlassung hängig bleibt.

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