Bündner Tagblatt, 8. April 2006

Der Seelensucher

Professor Aldini wartet auf den Tod seiner Probandin, um das Gewicht der entweichen den Seele zu messen: Die Zuschauer des am Donnerstagabend uraufgeführten Stücks «Die Seele wiegt 21 Gramm»» werdenZeugen eines Experiments. ' '
Von Ladina Heimgartner

„Ich bin Wissenschaftler und glaube an die Seele“, sagt Professor Aldini (Krishan Krone) zu Beginn des neuen Stücks von Man fred Ferrari, „Die Seele wiegt 21 Gramm“. Damit will er nicht etwa auf einen problematischen Zwiespalt zwischen Wissenschaft und Religion anspielen, ganz im Gegenteil: Aldini glaubt an die Existenz einer menschlichen Seele, die mit wissenschaftlichen Instrumenten greif- und messbar gemacht werden kann.
Im neuen Tanztheater-Projekt des Churer Theaters ressort k in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater bildet genau, dieses Bestreben den inhaltlichen Kern. Aldinis Probandin (Ursula Ledergerber) ringt mit dem Tod, sie leidet an progressiver Paralyse - dem letzten Stadium der Syphilis. Sie liegt auf einem Bett, das zugleich als Präzisionswaage angelegt ist, damit jede kleinste Veränderung des Gewichts Hinweise auf das substanzielle Bestehen der Seele liefert.
Historische Person als Basis
Wie Aldini dem Publikum - das nicht etwa in den Zuschauerrängen des Stadttheaters, sondern in nächster Nähe des Geschehens auf der Bühne, sitzt - erklärt, be- rufte er sich auf ein Experiment aus dem Jahr 1907. Da hat näm lich ein gewisser Professor Mac Zu Dougall den Versuch erstmals durchgeführt und festgestellt, dass die Seele 21 Gramm Wiegt. So wagt sich auch Aldini auf den Pfad der terra incognita, mit einem Publikum, das „Willens ist, über den Tellerrand hinauszuschauen“. Bei Duncan MacDougall handelt es sich durchaus um eine historische Person. Die Berichte über ihn warens denn auch, die dem Verfasser und Regisseur, Manfred Ferrari, die inhaltliche Grundlage geliefert haben.
Beeindruckende Leistung
Das hört sich ja alles spannendan, aberreicht dieses ‚Experiment’- dass sich im Grunde aufs Warten auf den Tod beschränkt - für einen'ganzen Theaterabend?
Es reicht, und mehr als das: Die absolut hochklassige Leistung von Krishan Krone, dazu die be eindruckende tänzerischen Einlagen von Ursula Ledergerber und Tom Baert als Probandin/Psyche und Assistent/ Amor sorgen dafür, dass gebannte Stille unter den Zuschauern herrscht. - Einzig die Akustik hat am Donnerstagabend leider noch gewisse Mängel aufgewiesen. Überzeugend, originell und vor allem mutig zeigen sich auch Regie (Ferrari) und Dramaturgie (Magdalena Nadolska). So räkelt sich etwa Baert, der zusammen mit Ursula Ledergerber als Company Urto auftritt, zum Schluss gänzlich nackt die Leiter empor.
Abstände verschwinden
Und genau solche Szenen, Bilder, die der geistigen Intimsphäre des Zuschauers bedrohlich nahe kommen, machen die Stärke von „Die Seele wiegt 21 Gramm“ aus. Abstände - sowohl örtliche wie emotionale - verschmelzen, verschwimmen und verschwinden. Die Überlegungen des Professors, der sich in seiner unermüdlichen Seelensuche allmählich verstrickt und verliert, sind zwar schockierend, nie aber makaber und abgesehen davon äusserst geistreich und unterhaltsam. Gerade in die sem Punkt trägt das Bühnenbild des Künstlers Robert Cavegn ein Wesentliches dazu bei. Kopflastig im positivsten und buchstäblichsten Sinn kommt die Kulisse daher. Und um gleich noch etwas beim Stichwort Unterhaltung zu verweilen, sei hier die letzte würzige Ingredienz erwähnt, die das Stück zur abgerundeten Symbiose vier verschiedener Künste macht: die Musik.
Mit beschwingten Walzerklängen eröffnet das Basler Ensemble contraire das theatralische Experiment. Die Grundlage zur Musik stammt vom Bündner-russischen Komponisten Paul Juon, arrangiert wurden die Noten des 1940 gestorbenen Juon von David Sontón-Caflisch.
Wissenschaft und Kunst - so fern und doch untrennbar. Und wenn dazu noch Emotionen treten, verwundert es kaum, dass zum Schluss mehr Fragen im Raum stehen als zu Beginn.