© Basler Zeitung; 30.04.2005
Gleichsam aus der Zeit gefallen

Fast schon Kabarett - «Ballverlust» im Neuen Theater Dornach
EWALD BILLERBECK

· Wer entlassen wird, verliert mehr als seinen Job. Krishan Krones Einpersonenstück «Ballverlust» thematisiert den Fall ins Bodenlose vielschichtig und ambivalent.Xaver Lorner, Mitarbeiter im Personalbereich eines Hotels, verliert aus heiterem Himmel seinen Job. Entlassen, zusammenpacken, auf der Strasse. Dabei war er als Verantwortlicher für die Einsatzpläne doch ein gewiefter Steigerer der Arbeitseffizienz. Jetzt findet er sich mit seinem Aktenkoffer, den Ordnern und dem Blumenstock aus dem Büro irgendwo auf einer Bank wieder, einem Niemandsort, vielleicht einem Bahnhof. Jedenfalls tickt über ihm eine übergrosse Uhr.
Lorner entdeckt hier einen kleinen Lederball, jongliert mit ihm und verliert ihn auch gleich wieder. Die Suche nach dem verlorenen Spielzeug wird zum Sinnbild der Situation. Ab jetzt läuft das Spiel am geschassten Lorner vorbei. Und die Uhr über ihm, die wie sein Inneres chaotisch zu laufen beginnt, zeigt an: Er ist aus allem, auch aus der geregelten Zeit, gefallen. - Mit «Ballverlust» unter der Regie von Daniel Kasztura bringt Krishan Krone als Autor und Schauspieler ein vielschichtiges Stück auf die Bühne des Neuen Theaters am Bahnhof Dornach. Der Stellenverlust wird zur allgemeinen Existenzbedrohung. Lorners plötzlich veränderte Befindlichkeit kippt zwischen Verdrängung und Panik.
Wenn er auf der Bank sein mitgebrachtes Arbeitsbrot isst oder die Ordner aufstellt, um nochmals «Arbeit» zu inszenieren, wenn er sich in Träume vom künftigen Big Business in Eigenregie versteigt, dann wieder unter seinen Ängsten zusammenbricht und am Handy seiner Frau das «Entlassen» nicht sagen kann, erscheint er als ein zugespitzter Prototyp des Verlierers, der Verlust nicht wahrhaben will.
Symbolträchtig. Aber brauchen wir dafür die Bühne? Haben wir das nicht sonst schon eins zu eins? Tatsächlich wird in «Ballverlust» immer wieder mit Symbolen gespielt, auch mit Stereotypen. Doch...Krones schauspielerische Leistung hält in diesem Alleingang nicht nur durch, sie ist auch in allen Facetten des Wechselbads der Gefühle überzeugend. Ausserdem schafft das präzise Zusammenspiel von Wort, Geräusch und Musik eine atmosphärisch dichte Szenerie. Vor allem aber werden Gefährdung und Düsternis immer wieder durch befreiende Momente der Komik aufgebrochen. Lorner ist auch ein Clown; und wenn er zum Beispiel seine Ideen fürs effizientere Beziehen der Hotelbetten zum Besten gibt, ist das schon fast eine kabarettistische Nummer. Ball- und andere Verluste hin oder her.