Tagesanzeiger vom 18. November 2002
Famoses Duo
Im Keller 62 werden Hubert Kronlachner und Krishan Krone unfreiwillig aneinander gekettet. Das Publikum freuts.
Von Charlotte Staehelin

Am Urteil des Richters führt kein Weg vorbei. Der jung-dynamische Ross Gardiner muss einmal pro Woche bei Mr. Green zum Rechten sehen. Als Strafe und Wiedergutmachung dafür, dass er den alten Herrn mit seinem Auto angefahren hat. Jeden Donnerstag taucht er pünktlich nach der Arbeit in Greens schmuddeliger Wohnung auf, bringt Fertiggerichte und versucht gut Wetter zu machen.

Was von der Anlage her simpel klingt, ist unter der Feder des amerikanischen Autors Jeff Baron zu einem problembe1adenen Beziehungsstück gewachsen. Die beiden Männer, die sich gezwungenermassen begegnen, tragen beide hart an ihren Biografien. Mr. Green (Hubert Kronlachner) ist gläubiger Jude. Der Tod seiner Frau nagt an ihm. Dazu kommt das schlechte Gewissen der Tochter gegenüber, die er nach ihrer Heirat mit einem Andersgläubigen gnadenlos verstossen hat. Ross (Krishan Krone) ist schwul. Kämpft um Liebe und Anerkennung. Alles gar nicht so einfach.
In «Besuch bei Mr. Green» lauer zwei Fallen. Einerseits die Klischees, die sich sofort einstellen, wenn von Minderheiten die Rede ist. Andererseits eine (Pseudo)Betroffenheit, die das Publikum angesichts der «ach so schrecklichen» Lage der Figuren in andächtigem Mitleid erstarren lässt. Regisseur Thomas J. Hauck und sein famoses Schauspie1erduo setzen sich an der Schweizer Erstaufführung mit grosser Leichtigkeit über die Klippen hinweg. Ironie und Humor dienen als Isolationsschutz gegen die Betroffenheit. Die Klischees fegt das Team durch die Genauigkeit seines Spiels vom Tisch. Über anderthalb Stunden hinweg stimmt jede noch so kleine Reaktion. Jedes Aufhorchen, Stirnrunzeln und jeder Disput.