Anspruchsvolle Seifenoper
«MOLIÈRE UND DIE KABALE DER SCHEINHEILIGEN»
DAVID WOHNLICH, Basler Zeitung

Das Ensemble «Thorgevsky und Wiener» spielt ein Stück nach Michail Bulgakov und Molière - virtuos.
Da übt man brav und kunstvoll Tragödie, putzt das Theater und baut sogar eine wunderschön ebene Zufahrtsrampe für die erwarteten Equipagen und Kutschen und zählt schliesslich zur Premiere ganze dreizehn zahlende Zuschauer - und dies alles unter einem Impresario, von dem der Sonnenkönig dereinst sagen soll, er sei unsterblich!
Der unverdiente Misserfolg ist für die Spieler einer heutigen freien Theatertruppe leicht nachvollziehbar und überträgt sich mühelos auf das Publikum, das hier und heute, im Theater auf dem Gundeldinger Feld, allerdings den Raum bis auf den letzten Platz besetzt. Sind die Zeiten besser geworden - oder das Theater, oder gar das Publikum?
Das Ensemble «Thorgevsky und Wiener» spielt «Molière und die Kabale der Scheinheiligen» nach Michail Bulgakov und Molière. Von den Autoren zieht sich ein roter Faden bis hin zur Textfassung von Maria Thorgevsky: Geht die Kunst nach Brot? Verrät sie sich und ihre Ideale, wenn sie sich dem inhaltlichen Diktat der Mächtigen fügt?
SEIFENOPER. Die Produktion entzieht sich geschickt und mit köstlicher List der fundierten Auseinandersetzung mit dieser Frage, die sie zwar selber als dramaturgisches Leitthema in den Mittelpunkt gestellt hat, das sie nun aber durch die urwüchsige Kraft der unmittelbaren theatralen Mittel von den Brettern fegt: In der formalen Anlage einer Art anspruchsvoller Seifenoper wechseln Schauplätze und Rollen, werden in virtuosen, fast filmschnitthaften Szenen Freude und Frust, Leid und Lust durcheinander gewirbelt. Der Bühnenvordergrund ist der Spielhintergrund - die Garderobe, das private Gemach. Kristina von Holt, Maria Thorgevsky (führte auch Regie), Matthias Klausener, Krishan Krone und Dan Wiener (komponierte auch die Musik) spielen in wechselnden Rollen. Köstliche Musik- und Tanzeinlagen bereichern die Aufführung um theaterhistorische Reflexe, ohne dabei der ständig drohenden Gefahr zu erliegen, von komplexer Figurendarstellung in blosse Typisierungen abzugleiten. Kein Zweifel: Dieses Theater braucht keine ebene Zufahrtsrampe, um mehr als dreizehn Zuschauer zu begeistern.

sitemap