18.
Februar 2006, Neue Zürcher Zeitung
Kabale und Liebe (zur Macht)
Der Fall «Molière» nach Bulgakow von Thorgevsky
& Wiener
War er's, oder war er's nicht? Hatte er, Molière, die Chuzpe,
Ludwig XIV. mit der Sonne zu vergleichen? Ersann ein Komödiant
für seinen Herrn das schmeichlerisch-strahlende Sinnbild des
«Sonnenkönigs»? Ja, meint Michael Bulgakow in seinem
Schlüsselroman «Das Leben des Monsieur Molière»,
in dem er am Beispiel des Komödiendichters sein eigenes Verhältnis
zur Macht beschreibt. Auch Bulgakows Leben (und Erfolg) war, wie
bei Molière, vom Wohlwollen eines einzigen Menschen abhängig,
Stalin.
Was verbindet diese Biografien mit dem Theaterbetrieb von heute?
Was hat eine gute Kritik mit dem diplomatischen Geschick eines Intendanten
oder ein Subventionsvertrag mit der Freundschaft zum Stadtpräsidenten
zu tun, beispielsweise? Kurz: Was hat Kunst mit Gunst am Hut? Diese
Fragen stellt - ohne sie explizit zu formulieren - das russisch-schweizerische
Künstlerpaar Maria Thorgevsky und Dan Wiener mit seiner neusten
Produktion, «Molière oder die Kabale der Scheinheiligen».
Sie stellen sie, seitdem sie gemeinsam auftreten, seit 1989 also.
Thorgevsky & Wiener gehören zu den zähesten Dissidenten
einer Sparte, die in der Nachfolge eines Molière steht, des
Freien Theaters. Das Stück mit erweitertem Ensemble ist nach
Erfolgen in Basel erfreulicherweise nun auch in Zürich, im
Theater Rigiblick, zu sehen. Und siehe da: Der Abend nach Molière
und Bulgakow ist auf dem Hintergrund der gängigen Bühnenästhetik
ähnlich provokativ, wie Molière einst provokativ war.
Wenn man ihn denn beim Wort nimmt, beim Wortlaut seiner ätzenden
Komödien, seiner Kritik am Bürgertum, an den Salons, dem
Klerus seiner Zeit. Das tut Thorgevsky. Sie skizziert unter Verzicht
zeitgeistiger Verabredungen auf drei Handlungsebenen - heute, zur
Zeit Molières und in dessen Stücken - den Aufstieg und
Fall des Dichters; es ist eine Anatomie des Theaters mit den Mitteln
des Theaters, des armen Theaters, selbstredend. Diese Mittel sind,
in der Reihenfolge der Anerkennung, die sie verdienen: das Talent
des Schauspielers Krishan Krone, die musikalischen Aus- und Einfälle
von Dan Wiener, die schwelgerischen Kostüme von Vesna Suljic
Karaus, die Wandlungsfähigkeit von Matthias Klausener und Kristina
von Holt, die eine homogene Ensembleleistung garantieren. Und Applaus
schliesslich für den Mut zum Mutigsten: die Schlichtheit einer
schönen Behauptung.
Daniele Muscionico
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