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MITTWOCH 3. MAI 2006, THURGAUER ZEITUNG,
KULTUR
Die Rue Bleue ist nicht blau
Das Kellertheater Winterthur inszeniert mit «Monsieur
Ibrahim» bereits das siebente Stück Eric-Emmanuel
Schmitts.
DIETER LANGHART, WINTERTHUR
«Warum lächelst du nie, Momo?», fragte mich Monsieur
Ibrahim. Diese Frage traf mich wie ein Faustschlag ins Gesicht. «Lächeln
ist nur was für reiche Leute, Monsieur Ibrahim. Das kann ich
mir nicht leisten.» Momo ist zwölf, ein jüdischer
Bub, der in einer jüdischen Strasse in Paris aufwächst.
Einer in der Strasse ist anders: Monsieur Ibrahim, den alle den «Araber»
nennen. Dabei ist er nicht Araber, sondern kommt vom Goldenen Halbmond.
Beim Einkauf in Monsieur Ibrahims Gemischtwarenladen lässt Momo
stets eine Konservendose «extra» mitgehen, denn das vom
Vater bemessene Haushaltsgeld ist knapp bemessen. Langsam nähern
sich der Junge und der ältere Mann an.
Diese Geschichte hat Eric-Emmanuel Schmitt 2003 erzählt. Das
schmale, bei Ammann erschienene Bändchen las sich leicht und
verkaufte sich (trotz oder wegen eines Plagiatsvorwurfs) leicht. Die
Geschichte beschäftigt sich mit dem Sufismus, einer Spielart
des Islam, und ist der zweite Teil der «Trilogie des Unsichtbaren»,
in der Schmitt sich der drei Weltreligionen annimmt.
Mit elf wird Momo ein Mann
Schmitt ist neben Yasmina Reza («Kunst») Frankreichs derzeit
populärster Bühnenautor. Sechs seiner Stücke hat das
Kellertheater Winterthur seit 1996 inszeniert, zuletzt «Kleine
Eheverbrechen» vor einem Jahr, mit Graziella Rossi in der Hauptrolle.
Schmitts Geschichte ist eine leichte Geschichte. Er entwirft darin
einen Mikrokosmos, in der Momo mit elf zu den Dirnen geht, die Rue
Bleue gar nicht blau ist und die garstige Welt draussen bleibt. Momo
erzählt in der als Monolog gehaltenen Geschichte, wie er zu einem
neuen Vater und damit zu einer neuen Lebenseinstellung findet. Das
Lächeln ist Ibrahims Art, andere zu beglücken und so selbst
glücklich zu werden. «Zack: Lächeln!» Momo probiert
es aus - es funktioniert. Und die Langsamkeit lernt er von Ibrahim
und am Schluss das Tanzen in der Art der Derwische.
Momo verleugnet seine Herkunft
Das Stück ist so schön wie das Buch: parabelhaft kurz, jeder
Satz bedeutsam. Alle Religionen sind gleich, und Religion macht nur
Sinn, wenn sie aufs Leben übertragen wird. Nach und nach übernimmt
Momo die Lebenshaltung Monsieur Ibrahims. Als ihn nach dem Selbstmord
des Vaters die Mutter zu sich holen will, verleugnet er seine Herkunft
und seinen Namen, wird zu Mohammed alias Momo, übernimmt Ibrahims
Kolonialwarenladen: «Für alle Welt bin ich der Araber an
der Ecke.»
Unter Michel Bosshards behutsamer Regie verleiht Krishan Krone dem
Text durchgehend viel Bewegung, er nutzt den ganzen Bühnenraum
um den Gemüsestand, gestaltet überzeugend Dialog wie Reflexion,
giesst sich den Tee in hohem Strahl ein. Momo gibt er eine lächelnde
Sanftheit, aber auch genügend Verschmitztheit. Als Besonderheit
werden einige Vorstellungen in einer «richtigen» Warenhalle
zu sehen sein. |
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